Lock-in ist kein Preisproblem, sondern ein Ausstiegsproblem
Die meisten Unternehmen merken erst beim Wechsel, wie fest sie hängen. Der Bitkom Cloud Report 2026, für den 603 Unternehmen ab 20 Beschäftigten repräsentativ befragt wurden, zeigt das sehr deutlich: Nur rund jedes dritte Unternehmen hat seinen Cloud-Anbieter überhaupt schon einmal gewechselt, 26 Prozent einmal und 8 Prozent mehrfach. 43 Prozent wollen ihren Anbieter behalten.
Als größtes Hindernis nennen 59 Prozent ausdrücklich Lock-in-Effekte, also schwierige Datenexporte und Migrationen. Dahinter folgen fehlender strategischer Bedarf mit 49 Prozent sowie personeller Aufwand und Komplexität mit je 45 Prozent.
Die interessantere Zahl steht an einer ganz anderen Stelle im selben Bericht. Bei der Auswahl eines Anbieters ist die einfache Wechselmöglichkeit nur für 37 Prozent ein Must-have-Kriterium. Zum Vergleich: Vertrauen in IT-Sicherheit nennen 95 Prozent, Leistungsfähigkeit 91 Prozent. Der Ausstieg wird beim Einkauf also kaum bewertet und ist später der Hauptgrund, warum niemand geht.
Genau deshalb schauen sich viele Mittelständler n8n an. Ein Fertigungsbetrieb aus Nürnberg, der seine Angebotsprozesse automatisiert, will nicht in fünf Jahren feststellen, dass die halbe Auftragsabwicklung in einem Werkzeug hängt, aus dem nichts herauskommt. Die Frage ist nur: Wie weit trägt das Versprechen wirklich?
Was Sie bei n8n tatsächlich in der Hand halten
Ein n8n-Ablauf ist eine JSON-Datei. Das ist kein Marketingsatz, sondern die Speicherform, und Sie kommen ohne Umweg daran. Die eingebaute Kommandozeile exportiert auf einer selbst gehosteten Instanz alle Abläufe auf einmal, wahlweise als eine Datei oder als eine Datei pro Ablauf. Der Schalter für Sicherungen setzt genau diese Kombination und legt formatierte Einzeldateien ab, was für die Ablage in einem Git-Repository die praktischste Variante ist.
Auch die Zugangsdaten lassen sich exportieren, und seit n8n eine eigene Version für den Datenbankumzug mitbringt, wandert der komplette Bestand von SQLite nach PostgreSQL. Ein Detail aus der Dokumentation lohnt sich zu kennen: Die Tabellen mit der Ausführungshistorie sind beim Export standardmäßig ausgeschlossen, weil sie sehr groß werden können. Wer seine Protokolle braucht, muss sie ausdrücklich anfordern.
| Was Sie mitnehmen wollen | Womit es geht | Was dabei nicht automatisch mitkommt |
|---|---|---|
| Die Abläufe selbst | Export als JSON, einzeln oder alle, je Datei versionierbar | Nichts. Das ist der saubere Teil. |
| Zugangsdaten | Export verschlüsselt oder im Klartext | Der Schlüssel der alten Instanz, falls Sie verschlüsselt exportieren |
| Ausführungshistorie | Nur mit ausdrücklichem Schalter beim Export der Datenbank | Standardmäßig ausgeschlossen, weil die Tabellen sehr groß werden |
| Benutzer, Rollen, Freigaben | Teil des Datenbankexports | Die Rechtelogik selbst, wenn die Zieledition sie nicht kennt |
| Der laufende Betrieb | Nichts davon ist eine Datei | Server, Datenbank, Zertifikate, Überwachung, Sicherungen |
Drei Stellen, an denen ein Umzug trotzdem weh tut
Die Kennungen wandern mit
n8n exportiert die internen Kennungen von Abläufen und Zugangsdaten gleich mit. Existiert in der Zieldatenbank etwas mit derselben Kennung, wird es überschrieben. Die Dokumentation sagt das offen und empfiehlt, vorher zu löschen oder umzubenennen. Wer einen Testserver mit einem Produktivstand überschreibt, merkt es erst, wenn die Arbeit von zwei Wochen weg ist.
Importierte Abläufe sind erst einmal aus
Nach einem Import ist standardmäßig jeder Ablauf deaktiviert. Das ist vernünftig, überrascht aber jeden, der am Umzugstag mit einem funktionierenden System rechnet. Die Option, den Zustand aus der Datei zu übernehmen, gibt es nur im Multi-Main- und im Queue-Betrieb. Und n8n dokumentiert selbst einen Fehler: Auf einfachen Instanzen laufen die Zeitpläne eines vorher aktiven Ablaufs nach dem Import weiter, bis Sie den Dienst neu starten.
Zugangsdaten im Klartext
Der Export in eine Zielinstanz mit anderem Schlüssel funktioniert nur unverschlüsselt. n8n warnt an dieser Stelle wörtlich, dass sämtliche sensiblen Informationen in den Dateien sichtbar sind. Diese Datei gehört nicht in ein Repository, nicht in einen Chat und nicht in einen Ordner mit weiten Rechten. Planen Sie den Umzug so, dass sie nur Minuten existiert.
Wo die Lizenz die Grenze zieht
n8n ist nicht Open Source im klassischen Sinn, sondern steht unter der Sustainable Use License in der Version 1.0. Der Kern in einem Satz: Sie dürfen die Software nutzen und verändern, aber nur für Ihre eigenen internen Geschäftszwecke oder privat, und Sie dürfen sie nur kostenlos und zu nichtkommerziellen Zwecken weitergeben. Lizenz- und Urheberhinweise dürfen Sie nicht entfernen.
Für ein Unternehmen, das seine eigenen Prozesse automatisiert, ist das folgenlos. Relevant wird es, sobald jemand n8n als Teil eines eigenen Produkts anbieten oder für Kunden betreiben will. Dazu kommt eine zweite Grenze im Quelltext selbst: Dateien mit .ee. im Namen oder .ee im Verzeichnis stehen ausdrücklich nicht unter dieser Lizenz und setzen eine gültige n8n Enterprise License voraus. Auch nur der Hauptzweig des Repositories ist lizenziert, andere Zweige sind es nicht.
Was in der kostenlosen Community Edition fehlt
Die Community Edition enthält fast den vollen Funktionsumfang, und n8n listet die Ausnahmen selbst auf. Diese Liste sollten Sie vor der Entscheidung lesen, nicht danach:
- SSO über SAML und LDAP
- Versionierung über Git sowie getrennte Umgebungen für Test und Produktion
- Projekte und damit die rollenbasierte Rechteverwaltung
- Freigaben: Nur der Eigentümer der Instanz und die Person, die einen Ablauf oder Zugangsdaten angelegt hat, kommen daran
- Externe Geheimnisverwaltung, externer Speicher für Binärdaten und Log-Streaming
- Multi-Main-Betrieb, wobei der normale Queue-Betrieb enthalten ist
Der vierte Punkt ist der, der im Alltag am meisten kostet. Ohne Freigaben hängt jeder Ablauf an genau einer Person. Wenn diese Person das Unternehmen verlässt, ist der Ablauf technisch noch da, aber niemand kommt an ihn heran. Das ist kein Anbieter-Lock-in mehr, sondern eine Abhängigkeit von einem einzelnen Konto.
Eine kostenlose Registrierung der Community Edition per E-Mail schaltet zusätzlich Ordner, das Fehlersuchen im Editor und eigene Metadaten zu Ausführungen frei. Der Schlüssel läuft nach der Aktivierung nicht ab.
Die Wechselprobe: einmal im Quartal, etwa dreißig Minuten
Ein Ausstiegsplan, den niemand getestet hat, ist kein Ausstiegsplan. Die Probe ist kurz genug, dass sie in den Betrieb passt:
- Alle Abläufe als Einzeldateien exportieren und in ein Repository legen
- Zugangsdaten separat exportieren und dokumentieren, wo der Verschlüsselungsschlüssel liegt
- Eine leere Instanz starten und den Stand importieren
- Zählen, wie viele Abläufe ohne Nacharbeit starten und woran die anderen scheitern
- Notieren, welche Funktion Sie dabei vermisst haben. Das ist Ihre echte Lock-in-Liste.
Wer diese Probe zweimal gemacht hat, weiß, ob das Argument für die eigene Firma trägt. Genau diese Prüfung führen wir in Projekten zur KI-Automatisierung vor dem Aufbau durch, damit die Antwort auf dem Tisch liegt, solange sie noch etwas kostet und nicht wehtut.
Und die ehrliche Zusammenfassung: n8n gibt Ihnen mehr Kontrolle über Ihre Abläufe und Ihren Datenstandort als ein geschlossener Anbieter. Es nimmt Ihnen die Verantwortung für Server, Sicherungen und Rechte nicht ab, und es hat mit Lizenz und Editionsgrenzen eigene Kanten. Ein Werkzeug ohne jede Bindung gibt es nicht. Es gibt nur Bindungen, die Sie kennen, und solche, die Sie überraschen.
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